Solwodi - Wertediskussion in sozialen Netzwerken

Inhaltsverzeichnis

1 Der Projektpartner

2 Hintergrundinformationen zum Themenfeld Prostitution

3 Projektidee und vereinbarte Ziele

4 Projektablauf

5 Projektergebnisse

6 Persönliche Erfahrungen und Tipps für Nachahmer




1 Der Projektpartner

 SOLWODI ist die Abkürzung für “SOLidarity with WOmen in DIstress” - Solidarität mit Frauen in Not. Die Menschenrechts- und Hilfsorganisation wurde 1985 von der Ordensschwester Lea Ackermann in Mombasa, Kenia gegründet und kümmerte sich dort um Mädchen und Frauen, die sich aufgrund ihrer Armut prostituierten. Seit 1987 engagiert sich Solwodi auch in Deutschland und kümmert sich hier vor allem um ausländische Frauen und Mädchen, die in Not geraten sind. Im Themenkontext von Solwodi geht es hauptsächlich um Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution, Opfer von Beziehungsgewalt, Opfer von Zwangsheirat, Bedrohte oder aus Zwangsehen Geflohene. Der gemeinnützige Verein SOLWODI e.V. arbeitet laut eigenen Angaben unabhängig und überkonfessionell für die Rechte von Migrantinnen und dabei besonders von Prostituierten. Insgesamt verfügt Solwodi in Deutschland über 15 Beratungsstellen. Zusätzlich zu Betreuung und Beratung von in Not geratenen Frauen versucht Solwodi, über aktive Öffentlichkeitsarbeit Bewusstsein für die Problemfelder Zwangsprostitution, Zwangsheirat und Menschenhandel zu schaffen.


 2 Hintergrundinformationen zum Themenfeld Prostitution

Anmerkung: An dieser Stelle geben wir die Informationen wieder, die wir während unserer Arbeit von unserem Projektpartner erhalten haben. Das Prostitutionsgewerbe in Deutschland ist an sich ist ein sehr kontrovers diskutiertes Thema, das viele verschiedene Sichtweisen einschließt, die wir hier in ihrer Vollständigkeit nicht wiedergeben können. Da die hier gegebenen Hintergrundinformationen aber vor allem als Begründung unserer Vorgehensweise dienen sollen, werden wir uns auf die Wiedergabe jener Informationen beschränken, die wir von Solwodi erhalten haben.

Seit dem Jahr 2002 ist Prostitution in Deutschland auf dem Papier “ein Beruf wie jeder andere”. Dies sollte den Prostituierten dazu verhelfen, sich aus der Illegalität zu befreien. Es wurde das Bild einer selbstbestimmten Frau kommuniziert, die ihren Körper aus eigenem Antrieb verkauft. Durch die Legalisierung haben Prostituierte beispielsweise die Möglichkeit auf Arbeits- und Krankenversicherungen bekommen. Die Realität in Deutschland heute sieht allerdings anders aus. Nur ein verschwindend geringer Anteil der Frauen in der Prostitution haben von der Möglichkeit, ihren Beruf offiziell zu melden, Gebrauch gemacht. Freiwillige Prostitution ist die Ausnahme, in der Regel sind Geldnot oder anderweitige Zwänge die Gründe. Dadurch, dass Prostitution nicht strafrechtlich verfolgt wird, ist Deutschland zudem zu einem der größten Märkte für Menschenhandel geworden. Viele Prostituierte in Deutschland sind heute Migrantinnen, ein großer Anteil von ihnen kommt aus Osteuropa und wurde durch falsche Versprechungen nach Deutschland gelockt, wo er nun durch Gewalt (oder die Androhung davon) zur Prostitution gezwungen wird. Die Polizei hat durch die Legalisierung nur eine sehr geringe Handlungsgewalt, da die Prostituierten oftmals mit falschen Ausweisen in den Bordellen verkehren und zu viel Angst vor ihren Zuhältern haben, um gegen sie auszusagen. Dazu kommt, dass der Öffentlichkeit durch die mächtigen, reichen Profiteure der Prostitution ein falsches, beschönigtes Bild von der Lage in Deutschland vorgegaukelt wird. Viele Menschen, die mit Prostitution nicht persönlich in Berührung kommen, nehmen das Thema unter anderem aus diesem Grund nicht als problematisch wahr.


3 Projektidee und vereinbarte Ziele

Die Idee der Augsburger Zweigstelle von Solwodi, die durch die Zusammenarbeit mit Studierenden der Universität Augsburg verwirklicht werden sollte, war es, einen Zugang zu den sozialen Medien zu schaffen, um darin eine Wertediskussion anzustoßen und diese zu verankern. Dabei ging es Solwodi vor allem darum, auch einer jüngeren Zielgruppe durch passende Aufbereitung der Inhalte einen Einstieg in die Thematik zu ermöglichen. Letzten Endes sollte eine Zielgruppenanalyse erstellt und die Nachhaltigkeit des begonnenen Prozesses sichergestellt werden. Zu den Zielen gehörte es, eine Plattform in den Sozialen Medien zu schaffen, über die die Problematik von Prostitution und Menschenhandel in Deutschland kommuniziert werden kann. Die Projektpartnerin wünschte sich grundsätzliches Verständnis über die Bedienung und Pflege der Seite. Inhalte sollten erstellt und nach und nach eingefügt werden. Die Seite sollte als Forum von Diskussionen dienen.Um diese Ziele zu erreichen wurde abgemacht, dass geeignete Inhalte sowohl von der Kooperationspartnerin als auch von den Studierenden gesucht und aufbereitet werden. Durch Promotion sollte zudem der Einzug der Seite vergrößert werden.

 

4 Projektablauf

Durch die Aufgabe im Rahmen des Seminars, ein Gantt-Diagramm für den Ablauf des Projekts zu gestalten, waren wir uns relativ früh darüber im Klaren, wann welche Maßnahme durchzuführen war. Im Zuge der Planung teilten wir die Arbeit an dem Projekt in eine Vorbereitungsphase, eine Konsolidierungsphase und eine Etablierungsphase ein.

 Gantt-Diagramm

Der Begriff “Soziale Medien” umfasst viele unterschiedliche Plattformen, die verschiedene Vor- und Nachteile haben. Daher mussten wir in der Vorbereitungsphase zunächst die in Frage kommenden Plattformen analysieren, um diejenigen auszumachen, mit der die Verwirklichung unserer Ziele am Besten zu vereinen waren. Soziale Netzwerke wie Instagram oder Twitter wurden dabei aufgrund ihrer starken Eingrenzungen im Bezug auf die Vermittlung von Informationen und Inhalten relativ schnell ausgeschlossen. Die Entscheidung fiel daher zwischen Facebook und einer Blogplattform wie Tumblr, Wordpress oder Blogspot, da die Beiträge hier auf den Inhalt konzentriert verfasst werden können. Bei unseren Überlegungen wurde schnell klar, dass beide Plattformen sowohl Vor- als auch Nachteile bieten. Unsere Überlegungen diesbezüglich können in der nachfolgenden Tabelle nachvollzogen werden.

 

Facebookseite

Blog

hohe Nutzerzahl und -dichte,

heterogenes Publikum

geringere Nutzerzahl (ca 2% der Deutschen),

viele Intellektuelle und Kreative

einfache Handhabung und Vernetzung

einfache Handhabung, geringere Vernetzungsmöglichkeiten

nur aktuelle Beiträge erscheinen in den Nutzerchroniken, kürzere Verweildauer

Nutzer suchen aktiver nach neuen Inhalten,

höhere Verweildauer

Facebook als Zeitvertreib, Freizeitbeschäftigung zum Spaß

Auch “ernste” Themen werden aufgegriffen

vor allem kurze Statements

auch längere Artikel möglich

Kommentarfunktion

eventuell keine Kommentarfunktion

Pflegezeiten der Seite kürzer, aber häufiger

Pflegezeiten der Seite länger, aber seltener

 

Da es das Ziel der Seite sein sollte, die “Awareness” in der Gruppe der “jungen Generation” zu erhöhen, bot sich Facebook durch sein heterogenes und breiter gefasstes Publikum eher an. In einer späteren Phase des Social-Media-Projektes wäre zusätzlich zu der Facebook-Seite ein gleichnamiger Blog denkbar. Dadurch könnte erreicht werden, dass Inhalte nicht nur wiedergegeben, sondern auch selbst erstellt werden.

Die nächste Aufgabe bestand darin, einen passenden Namen für die Seite zu finden. Mit der Kooperationspartnerin einigten wir uns auf den Namen “Make Love, not Slavery”. Dieser sollte einerseits auf die friedliche Hippie-Bewegung vergangener Tage anspielen, andererseits aber auch die Problematik in den Vordergrund bringen mit der wir uns beschäftigen wollten. Das von uns selbst gestaltete Logo soll die Ausrichtung der Seite nochmals verdeutlichen: Prostitution hat nichts mit Liebe zu tun, sondern ist ein oft von Zwängen bestimmtes Geschäft. Dies sollte durch das von Handschellen eingeschlossene Herz verdeutlicht werden. Indem die Handschellen geöffnet werden, gibt es wieder Platz für zwanglose Liebe.

Make Love, Not Slavery

Das Ziel der nächsten Woche war es, die Seite zu erstellen und einige erste Inhalte vorzubereiten. In den weiteren Wochen sollte damit begonnen werden die Seite mit Inhalten zu füllen, sowie der Kooperationspartnerin einen ersten Einblick in die Bedienung der Plattform zu geben. Die Inhalte der Seite sollten keineswegs willkürlich gewählt sein, sondern den von uns entwickelten Leitlinien entsprechen. Dazu gehörte zum einen, aktuelle Neuigkeiten zum Thema zu verbreiten, um “auf dem Laufenden” zu bleiben, um Diskussionen anzustoßen, also zum Nachdenken anzuregen, und auch, um das Interesse langfristig zu erhalten. Zum anderen wollten wir Inhalte publizieren, die grundlegende Informationen zum Themenfeld Prostitution vermitteln. Damit sollte Grundwissen geschaffen werden, der Einstieg in die Thematik erleichtert und ein Basisbewusstsein für die Thematik geschaffen werden. Und schließlich sollten die Themen mit multimedialen Inhalten wie Bildern, Videos, Infografiken oder anderem verknüpft oder aufbereitet werden. Denn das Nutzerverhalten von Facebook-Nutzern unterscheidet sich von dem der Nutzer, die sich schon für eine bestimmte Thematik interessieren. Facebook-Nutzer “scrollen” über ihre Startseite und bleiben dabei nur bei Inhalten hängen, die sie ansprechen. Darüber hinaus sollte durch die multimediale Aufbereitung die Seite im möglichen Rahmen ansprechend gestaltet werden. Wir wollten damit Viralität schaffen und “der Problematik ein Gesicht geben”. Das Thema Prostitution, mit dem man im Alltag unter Umständen gar nicht oder nur nur in geringem Maße in Berührung kommt, sollte damit greifbarer werden. Hier ein Beispiel für einen von uns grafisch aufbereiteten Inhalt:

Mythos Nr. 11

Wenn Prostitution nichts mit Menschenhandel zu tun hat, wozu werden dann Frauen gehandelt?
Menschenhandel agiert profitorientiert und steht in direkter Verbindung mit den Märkten der Prostitution, auf denen die Nachfrage das Angebot bestimmt. Woher aber kommt
das Geld für die Finanzierung? Von den Käufern, wie auch in jedem anderen Geschäft. Deshalb sind Prostitution und Menschenhandel untrennbar miteinander verbunden.

Nachdem die Seite ausreichend mit Inhalten gefüllt war, begannen wir damit, für unsere Seite Promotion zu betreiben. Dafür arbeiteten wir mit ähnlich “gepolten” Seiten und auch mit Personen des öffentlichen Lebens zusammen. Durch die Zusammenarbeit konnten wir schnell die Zahl unserer “Gefällt Mir”-Angaben vergrößern und auch die Reichweite der Seite wuchs rasch. Die weitere Arbeit an der Seite bestand daraus, weiterhin Werbung zu betreiben, die Seite zu pflegen, Diskussionen zu unterstützen, Inhalte zu erstellen, aufzubereiten und zu publizieren, sowie die Projektpartnerin mit Wochenberichten ständig auf dem Laufenden zu halten. In der letzten Woche der Zusammenarbeit wurden in einem abschließenden Gespräch die Ergebnisse evaluiert und mit der ursprünglichen Zielsetzung verglichen. Danach wurde die Seitenadministration an den Projektpartner übergeben.

 

5 Projektergebnisse

Es ist uns gelungen, auf Facebook mit “Make Love, not Slavery” eine Seite zu etablieren, die mit fast 200 “Gefällt Mir”-Angaben in der uns zur Verfügung stehenden Zeit eine recht große Reichweite erlangen konnte. Auch von ähnlichen Seiten wie beispielsweise “AugsburgerInnen gegen Menschenhandel” oder “Netzwerk gegen Menschenhandel” bekamen wir positive Rückmeldungen über die Führung unserer Seite. Der prozentual größte Anteil der Seitenfans besteht aus 18-24-Jährigen. Das Ziel, mit der Seite vor allem jüngere Nutzer_innen anzusprechen, kann also als erfüllt angesehen werden, obwohl auch viel von der Werbung, die wir in unserem Bekanntenkreis für die Seite gemacht haben, zu dieser Statistik beigetragen hat. Zu erwähnen ist außerdem, dass die Fans der Seite zu drei Vierteln aus Frauen bestehen. Ob Männer sich von der Thematik generell weniger angesprochen fühlen, oder unsere Seite (auch wegen dem von dem Projektpartner vermittelten Material) für Frauen ansprechender war, kann aus dieser Statistik nicht herausgelesen werden.

Diagramm "Gefällt Mir"-Angaben
Diagramm Reichweite

 Diagramm Nutzer

Ein weiteres Ziel des Projekts war das Anregen einer Wertediskussion. Diese Aufgabe war schwer zu bewältigen, da die Projektpartnerin einzelnen Nutzer_innen, die abweichende Meinungen vertraten, mit der Sorge begegnete, diese könnten für die Verbreitung ihrer Meinungen von der Pro-Prostitutions-Lobby bezahlt werden. Während des Projekts gab es eine Phase, in der auch Vertreter anderer Meinungen auf der Seite verkehrten und dort Diskussionen anregten. Nach einer Blockierung einer Nutzerin, die in Rücksprache mit der Projektpartnerin durchgeführt wurde, zogen sich diese allerdings zurück. Dies führte zum Abbruch der Wertediskussion, da die auf der Seite aktiven Nutzer_innen nun bezüglich der eingestellten Inhalte die gleiche Meinung vertraten wie Solwodi und die anderen Nutzer_innen. Hier Beispiele für Kommentare gegen und für legalisierte Prostitution:

Kommentar gegen Prostitution

Kommentar für Prostitution

Zu guter Letzt sollte die Nachhaltigkeit des Prozesses, die Zielgruppe aufzuklären und eine Wertediskussion anzustoßen, sichergestellt werden. Dazu ist zunächst zu sagen, dass im Internet im Allgemeinen und speziell auf der gewählten Plattform Facebook Nachhaltigkeit per se durch unsere zeitlich begrenzte Mitwirkung an dem Projekt allein nicht erreicht werden kann. Unter der Prämisse, dass die Befüllung und Pflege der Seite auch nach der Beendung unserer Zusammenarbeit von dem Projektpartner weiterhin fortgeführt wird, ermöglicht das von uns entwickelte Konzept allerdings sehr wohl das Erreichen von Nachhaltigkeit. Solange es Prostitution in Deutschland gibt, kann auch die Seite weiter geführt werden, um auf Problematiken aufmerksam zu machen und Meinungsbildung zu unterstützen. Außerdem wird eine Wertediskussion mit ansteigender Zahl der “Gefällt Mir”-Angaben wahrscheinlicher, da mehr Nutzer die eingestellten Inhalte sehen und darauf reagieren können. Um sicherzustellen, dass der Projektpartner die Seite auch ohne unser Mitwirken weiterführen kann, haben wir den Mitarbeiterinnen bei der Solwodi-Beratungsstelle Augsburg sowohl eine persönliche Einführung in die Bedienung von Facebook gegeben als auch einen Guide angefertigt, in dem wesentliche Punkte wie das Verfassen von Beiträgen und Kommentaren, die Einsicht in die Statistiken der Seite sowie die Veränderung der Einstellungen unterstützt von beschrifteten Screenshots erklärt werden.

Ausschnitt Facebook-Tutorial

6 Persönliche Erfahrungen und Tipps für Nachahmer

Positiv am Umgang mit dem Projektpartner war für uns immer der gute Umgang miteinander. Nie wurde ein Hierarchiegefälle deutlich. Wir wurden im technischen Bereich von der Projektpartnerin als Experten und damit als wichtiger Bestandteil des Projekts auf Augenhöhe angesehen. Die Kommunikation durch Telefonate funktionierte nach vorheriger Absprache von Terminen für das Telefonieren stets gut und flüssig. Auch bei einer Verständigung über Emails traten nur selten Probleme auf. Bei fast allen Entscheidungen waren wir uns relativ einig. Es gab keinen Ärger, was auf die gute Kommunikation untereinander zurückzuführen ist. Durch wöchentliche Berichte über die aktuelle Reichweite der Seite, neue “Gefällt-Mir”-Angaben und weitere erwähnenswerte Entwicklungen war die Projektpartnerin stets darüber informiert, wie es im Projekt voranging und konnte gegebenenfalls Anmerkungen äußern:

Beispiel Wochenbericht

Obwohl wir den Mitarbeiterinnen von Solwodi zwei Einführungen in das Thema Social-Media und in die Handhabung einer Facebook-Seite gegeben haben, und dabei darauf hingewiesen wurde, dass es wichtig sei, regelmäßig neue Inhalte einzustellen, klappte dieser Austausch leider nicht immer ganz reibungslos. Im abschließenden Gespräch gab die Projektpartnerin diesen Punkt als einen Fehler ihrerseits an, da sie den Aufwand wohl unterschätzt hätte und aufgrund ihrer anderen Pflichten bei Solwodi oftmals nicht die Zeit dazu fand, wie abgesprochen mitzuarbeiten. Offenbar wurden die Möglichkeiten, die eine solche Seite mit sich bringt, nur teilweise verstanden. Auch der Arbeitsaufwand, den das Betreiben einer Facebook-Seite mit sich zieht, scheint unterschätzt worden zu sein. Für zukünftige Projekte könnte man daraus die Lehre ziehen, die Aufgabenbereiche noch klarer abzugrenzen, die Aufgaben noch eindeutiger zuzuteilen und zu Beginn des Projektes auch klar abzusprechen, ob sich die einzelnen Seiten dazu im Stande fühlen, ihre Aufgabenbereiche verlässlich auszufüllen. Dabei sollte auch der zeitliche Aufwand, der für die Projektarbeiten eingeplant werden sollte, gleich zu Beginn grob umrissen werden.

Darüber hinaus ergab sich mit der Zeit das Problem, dass das Projekt kurzzeitig eine andere ideologische Ausrichtung bekam. So war zwar eine Wertediskussion als Ziel vereinbart, auf nach Rücksprache mit der Projektpartnerin sollte aber eine Nutzerin, die eine andere Meinung vertrat und auf der Seite sehr aktiv war, blockiert werden. Dies ergab sich zum einen aus dem Aufwand, mit dieser Nutzerin zu diskutieren und zum anderen aus der Sorge der Projektpartnerin, dass die Nutzerin von der Pro-Prostitutions-Lobby für das Vertreten dieser Meinung bezahlt werden könnte. Diese Aktion sehen wir im Nachhinein kritisch. Als Administratoren der Seite hätten wir uns nicht an der Diskussion beteiligen, sondern eine neutrale, moderierende Position einnehmen sollen. Zudem sollte in einer Wertediskussion keine Zensur erfolgen. Leider stellte sich nach Zurücknahme der Blockierungen keine Diskussion mehr ein. Durch dieses Verhalten wurde der Seite unserer Meinung nach langfristig geschadet. Diese Entwicklung hat uns klar gemacht, dass unsere Rolle als Studierende nicht nur der von Dienstleistern entsprach, sondern auch der von Projektpartnern mit Mitspracherecht. Zukünftig sollte noch mehr darauf geachtet werden, auch in schwierigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren und Handlungsmöglichkeiten innerhalb des Teams zu diskutieren und abzuwägen. In der Rolle als Studierende_r sollte dabei darauf geachtet werden, nicht einfach nur nachzugeben, sondern sich eine eigene Meinung zu bilden und diese klar zu vertreten.

Da wir selbst auch zur vereinbarten Zielgruppe gehören, fiel es uns außerdem leicht, die Inhalte ansprechend aufzubereiten und zu gestalten. Bewährt hat sich hierbei das Schaffen einer multimedialen Umgebung. Wir verwendeten sowohl vorhandene Texte, Links und Videos als auch selbst gestaltete Bilder, die geschriebene Inhalte wiedergaben. Die letztgenannten erfreuten sich bei den Facebook-Nutzern der größten Beliebtheit und erreichten auch die höchste Viralität. Auch die Wahl der Plattform spielt beim Erreichen der Zielgruppe eine Rolle. Im Nachhinein glauben wir, dass die Wahl von Facebook als Plattform die richtige Entscheidung war, da die Statistiken deutlich machen, dass wir so die von uns angestrebte Zielgruppe erreichen konnten.

Mythos Nr. 17

Manche Menschen akzeptieren für einen geringeren Lohn als den Mindestlohn zu arbeiten; manche akzeptieren sogar ihre Organe zu verkaufen. In beiden Fällen hat unsere Gesellschaft entschieden die verletzlichste Gruppe zu beschützen und so ein angemessenes Leben für alle zu garantieren: denn in solchen Fällen sieht das Recht vor die ArbeitgeberIn oder die KäuferIn des Organs zu verurteilen. So sollte das Gesetz auch die KäuferIn des Sex kriminalisieren, nicht die Person, die sich prostituiert.
Manche Menschen können in der Tat behaupten sich frei für die Prostitution entschieden zu haben, aber eine demokratische Gesellschaft gründet sich nicht auf Basis eines individuellen Wunsches, welcher nicht die Situation der Mehrheit widerspiegelt. Hier steht die Zukunft, die wir gestalten, die Gesellschaft, in der wir leben möchten, auf dem Spiel.

Für die Arbeit in der Gruppe sowie für die Zusammenarbeit mit der Projektpartnerin bewährte sich eine frühzeitige Planung. Dadurch, dass wir uns sehr früh mit der Projektpartnerin trafen, die Zielsetzung und auch die weiteren Arbeitsschritte planten, sparten wir uns viel Arbeit und Stress. Durch die wöchentlich verfassten Rückmeldungen, die die Projektpartnerin über aktuelle Statistiken, besondere Vorkommnisse und weitere Schritte für die Befüllung und Pflege der Seite informierten, konnten wir die Anzahl von Präsenztreffen oder Telefonaten auf ein Minimum reduzieren und so das Zeitmanagement optimieren. Bei der Zusammenarbeit mit der Projektpartnerin bewährte sich außerdem die Kommunikation per Telefon. Asynchrone Kommunikation durch Emails führte gelegentlich nicht zu dem gewünschten Ergebnissen, da hierbei ab und an Missverständnisse entstanden. Trotz allem mussten aber Termine zum Telefonieren ausgemacht werden, da sich der Arbeitsplan der Projektpartnerin häufig nicht mit dem der Studierenden deckte, und sie oftmals zu Zeiten anrief, zu denen wir uns gerade in Vorlesungen oder Seminaren befanden. Bei der Arbeit zwischen den Studierenden bewährte sich die Arbeit über GoogleDocs. Zum einen konnte so zeitgleich gearbeitet werden, zum anderen konnte man sich stets problemlos darüber informieren, was für das Projekt in letzter Zeit getan wurde. Die genaue Dokumentation, die wir während unseres Projektes führten, kam uns während des gesamten Projektverlaufs zu Gute. So konnten wir unseren Prozess stets nachvollziehen und bei Fragen oder Problemen immer in unseren Aufzeichnungen nachschauen. Auch während des Projektabschlusses konnten wir uns so an unseren Dokumenten orientieren. Dadurch, dass wir auch die Arbeit innerhalb der Gruppe frühzeitig und genau geplant hatten, ergaben sich diesbezüglich bei uns keinerlei Probleme.

Hier beispielhaft eine unserer Listen mit der wir den Überblick über die von uns veröffentlichten Beiträge behielten:

 Ausschnitt Inhaltsdokumentation

Das Projekt könnte wie oben bereits erwähnt zu einem späteren Zeitpunkt durch einen Blog erweitert und ergänzt werden. Während die Kommunikation über Facebook eher der Konsolidierung der Thematik dient, könnten bestimmte Unterthemen in Blogs durch längere und tiefgreifende, selbst erstellte Beiträge vertieft werden. Darüber hinaus sollten ebenfalls unterschiedlichere Inhalte über die Facebook-Seite publiziert werden. Wir beschränkten uns darauf, vor allem Links zu posten und kleinere Aussagen durch Bilder aufzubereiten. Es wäre aber auch eine Möglichkeit, der Seite durch die Erstellung kleiner Video- oder Audiobeiträge zu mehr Multimedialität zu verhelfen. Außerdem wäre eine höhere Differenzierung der auf der Seite vertretenen Meinungen unserer Ansicht nach eine gute Idee. Da die Seite eine Wertediskussion anstoßen soll, sollten Sachverhalte von mehreren Standpunkten aus betrachtet und Vor- und Nachteile abgewägt werden. Auch Postings, die die Nutzer_innen zum selbstständigen Nachdenken und Reflektieren anregen, sollten unserer Meinung nach in Zukunft eine größere Rolle spielen. Zu beachten ist dabei allerdings, dass ein solche Inhalte mit einem hohen Maß an Einfühlungsvermögen erstellt werden müssen, um die Grundausrichtung der Seite nicht zu gefährden.

Bezüglich der Projektarbeit können wir das weitergeben, was wir gelernt haben: Zum einen sollte man sich bezüglich der Zusammenarbeit mit der Partnerorganisation schon von Beginn an klar machen, dass man hauptsächlich als Dienstleister fungiert und die vorher ausgemachten Ziele ungeachtet vom eigenen Standpunkt verfolgt. Ansonsten kann es speziell bei einem emotional stark aufgeladenen Thema wie diesem passieren, dass es in Diskussionen schwer fällt, objektiv zu bleiben, da man sich zu stark auf die Seite des Projektpartners stellt.

Zum anderen haben wir in Bezug auf Diskussionen in Facebook gelernt, dass es ratsam ist, diese lediglich zu moderieren und sich nicht aktiv daran zu beteiligen. Es kann leicht passieren, dass Diskussionspartner, die unterschiedliche Standpunkte haben, im Laufe der Diskussion wütend werden und einander persönlich angreifen. Die Administratoren der Seite müssen deswegen moderierend und beschwichtigend agieren, um eine solche Situation zu vermeiden. Beteiligt man sich als Administrator aktiv an einer Diskussion, muss man automatisch eine Position einnehmen und kann selbst nicht mehr moderierend einwirken. Zudem kann schnell der Vorwurf aufkommen, dass die Seite eine bestimmte Position unter dem Deckmantel einer Wertediskussion propagieren will.