Fotoprojekt zum Thema Heimat (Diakonie Altenheime)

 


HeimArt - Fotoprojekt im Altenheim

Unter dem Motto Kunst im Altenheim führten Johanna Zach und Stephan Reichl, zwei Medien und Kommunikationsstudenten, ein Fotoprojekt im Betreuten Wohnen des Karl-Sommer-Stifts in Friedberg durch. Ziel der Zusammenarbeit war das Thema Heimat mit Hilfe der Senioren fotographisch darzustellen.


I. Heimat ist...

Heimat ist ein Begriff, der sehr viel bedeuten kann. Die Kindheit, das Elternhaus, die Natur, der Glaube... in den verschiedensten Dingen kann ein Stück Heimat stecken. Und demzufolge gibt es auch viele verschiedene Möglichkeiten Heimat darzustellen. Unser Fotoprojekt im Altenheim sollte sich daher aus Fotos von früher, von verschiedenen Lebensstationen, von heute  und aus Geschichten und Persönlichkeiten zusammensetzen. Da wir im Vorhinein nicht wissen konnten, was für die Teilnehmer unseres Projekts Heimat bedeutet, haben wir einen großen Spielraum gelassen. Zur Einführung ins Thema stellten wir unser Projekt in der großen Runde des Betreuten Wohnens im Karl-Sommer-Stift in Friedberg vor. Obwohl es sich beim Betreuten Wohnen nicht um ein Altenheim handelte, war es ein großer Vorteil mit diesen Senioren zusammen arbeiten zu können, da sie nicht geistig und kaum körperlich eingeschränkt sind.  Im ersten Treffen zeichneten wir mithilfe einer Mind-Map ein Stimmungsbild zum Thema Heimat. Wichtig bei einer Zusammenarbeit mit Personen dieses Alters ist eine gute Diskussionsführung, da die Senioren schnell vom Thema abweichen und den Sinn einer Mind Map nicht sofort erkannten. Das Ergebnis kann sich dennoch sehen lassen: Es fanden sich zum Thema Heimat zahlreiche Assoziationen von Erinnerungen aus der Kindheit über Gefühle wie Geborgenheit, aber auch Hunger bis hin zum Krieg und auch Orten im Karl-Sommer-Stift (Bild 1). Der nächste Schritt war in kleineren Gruppen von drei bis fünf Leuten die persönlichen Meinungen und Geschichten zu Heimat zu erfragen. Passend dazu sollten die Senioren Gegenstände und Fotos mitbringen.


II. Die Heimatvertriebenen

In den nächsten zwei Kleingruppensitzungen bildete sich eine Gruppe von acht Senioren heraus, die sich aktiv in unser Projekt einbringen wollte. Weitere Personen hatten kein Interesse an einer Beteiligung am Projekt, da sie nicht an ihre Heimat erinnert werden wollen, die geprägt ist von Kriegserinnerungen. Dafür konnten wir uns aber intensiver auf unsere wenigen Teilnehmer konzentrieren und das ganze Projekt leichter koordinieren. Über mehrere Stunden erzählten sie uns ihre Lebensgeschichten und erklärten uns ihre Bedeutung von Heimat. Das Besondere an diesen Senioren ist, dass sie durch den Krieg fast alle einen ungewöhnlichen Lebenslauf hinter sich haben und Heimat für sie stark vom Krieg geprägt ist. Aber anders als erwartet, beeinflusste sie weniger der Zweite Weltkrieg sondern hauptsächlich die Zeit danach, in der Deutschland besetzt wurde. Einige von ihnen wurden von den Besatzungsmächten vertrieben oder flüchteten. Andere kamen in ganz Deutschland oder sogar in der ganzen Welt herum. Erinnerungen gab es genug, Heimat teilweise zu wenig. Auch hier bei den Interviews war es eine Herausforderung für uns die Interviewten immer wieder in die richtige Richtung zu lenken und mit gezielten Fragen wieder auf das Kernthema Heimat zurück zu bringen. Es war interessant zu sehen, wie  so unterschiedliche Persönlichkeiten von ihrem Leben auf ganz unterschiedliche Weise erzählen. Dabei wurde deutlich, dass die anwesenden Senioren gern über ihre Erlebnisse sprechen und auch gerne etwas an die jüngere Generation weitergeben wollten.

1. Hilde Sparmann, 86:


"Heimat ist dort, wo meine ganze Familie noch vereint zusammen im Kreis sitzt, mein Vater Zitter spielt und mit seinen Freunden Hausmusik macht. Eine Heimaterinnerung, bei der ich mich wohl und geborgen fühle."

Hilde wurde vor 86 Jahren im Sudetengau in Böhmen geboren. Ihre Kindheit war eine sehr sorgenfreie Zeit, bei der es ihr an nichts gefehlt hat.  An ihr Elternhaus hat sie viele schöne Erinnerungen wie zum Beispiel, das Plätschern des Baches, der durch den Garten fließt, wenn sie nachts im Bett liegt, den Schulweg auf Skiern im Winter oder die Sonntagsspaziergänge mit dem Vater. Besonders die lange Weihnachtszeit ist durch die Weihnachtsbäckerei, den Christbaum und die besonderen Geschenke in Erinnerung geblieben. Als 1945 Deutschland besetzt wurde, standen plötzlich die Russen vor der Tür. Die Familie hatte eine halbe Stunde Zeit, um zu packen, bevor sie ausgewiesen wurden. Hilde war zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre und aufgrund eines Gewaltschlags russischer Soldaten hatte sie einen Gips am Arm, der ihr Leben entschieden beeinflusst hatte. Dank des Gips konnte die Familie Schmuck und Geld über die Grenze schmuggeln. So war es Hilde möglich bis heute eine Bernsteinkette ihrer Urgroßmutter als Familienerinnerung aufzubewahren. Kurz darauf lernte sie ihren zukünftigen Mann am Bahnhof kennen, der ihr wegen des Gips geholfen hatte. Ein Jahr später heiratete sie nach Berlin. Der Beginn von 20 harmonischen Jahren. Gefüllt mit Studium zur Bauingenieurin, Familiengründung und Hobbys. Die Zufriedenheit und Geborgenheit, die sie in diesen Lebensjahren empfand machte Berlin zu einem Zuhause. Erst nach dem Tod ihres Ehemanns kam Hilde in den Karl-Sommer-Stift.


2. Erwin Bransch, 81:

„Heimat ist für mich der Garten und die Gartenarbeit, sowohl im Stift als auch früher. Auch der runde Tisch im Garten, die Gemeinschaft und die Wohnung im Karl-Sommer-Stift ist für mich Heimat geworden.“

Im Karl Sommerstift schätzt er vor allem die Unterhaltung und die Gesellschaft am Runden Tisch im Garten. Da er mit der Natur sehr verbunden ist und einen grünen Daumen hat, hatte er 45 Jahre lang einen Schrebergarten. Auch heute noch spielt die Gartenarbeit eine wichtige Rolle in seinem Leben. Er kümmert sich um die Blumen im Garten des Stifts. Gebürtig im Sudetenland, genauer gesagt in Zattig, war er zuerst Metzger, dann Weber und ging 1969 zur Post.Von seinem Vater, der Musiker war, hat er eine musikalische Ader geerbt. Deshalb singt er im Stift oft die Geburtstagsständchen und war auch in mehreren Chören lange Zeit dabei.  Seinen ersten Kuss gab er in Nördlingen seiner zukünftigen Frau.

 

3. Margot Kalbitzer, 86:

"Heimat ist für mich, wo ich mit Menschen zusammen sein kann und gemeinsames erleben kann. Vor allem durch den Kirchenchor habe ich mich immer Zuhause gefühlt."

Gebürtig in München in der Maistraße. Als Kind schon war für sie die Jugendgemeinde und die Kirche im Mittelpunkt ihres Lebens. Nach dem Krieg war Berchtesgaden  ihr erster Zwischenstopp, bis dann in Nürnberg erste Gefühle von Heimat aufkamen. So fährt sie auch heute noch zweimal jährlich zu einem Treffen mit den alten Chorfreunden nach Nürnberg.  Der Chor, im Besonderen der Kirchenchor in Nürnberg, und das Singen waren immer Ihr Zuhause.  Mit 19 Jahren ging es weiter nach Ingolstadt. Dort lernte sie ihren zukünftigen Mann kennen, den sie dann zwei Monate nach ihrem 50. Geburtstag heiratete und mit Ihm nach Essen zog. Später kehrte sie zurück zu ihrer Mutter, die bereits im Karl-Sommer-Stift wohnte. Sie nahm sich eine Wohnung im KSS und zog von Essen nach Augsburg. Ihre Lieblingsort hier im Stift ist die „Freitagsrunde".


4. Lotte Seyfang, 80:

"Heimat war in meiner aktiven Zeit dort wo ich gebraucht wurde. Jetzt im Alter ist es das KSS, weil ich hier Menschen fand, die mir die nötige Hilfe leisten."

Die gebürtige Württembergerin liebte die Maispaziergänge mit Ihrer Mutter in der Heimat, bis am 20. April 1945 die Amerikaner kamen. Sie verlor ihre Heimat und der elterliche Betrieb wurde besetzt.  Sie absolvierte eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Dazu besuchte sie, als damals einziges Mädchen, eine der drei deutschen Sägewerkschulen in Göppingen. Als der elterliche Betrieb wegen einer Straßenbaumaßnahme verlegt werden musste, zog sie in die Nähe von Stuttgart und hatte ihre erste eigene Wohnung. Auch durch den Glauben fand sie ein Zuhause und lebte in der Christus-  Gemeinschaft in Ottmaring bei Friedberg. Heimat im KSS ist nun für Sie die Hilfe, die sie bekommen, aber auch geben kann und die Gemeinschaft, die sie dort gefunden hat. Der Kirchturm, den sie von ihrer Loggia aus sehen kann, spielt auch eine große Rolle, da sich dort ein Teil ihrer geistlichen Heimat widerspiegelt.


5. Ursula Wichert, 93:

"Heimat und Glück sind für mich meine Kinder und der große Garten bei meinem Sohn."

Ursula stammt aus Elbing Neukirchen Niederang im Westpreußischen und erinnert sich noch heute gerne an den Garten ihres Elternhauses. Weiße Narzissen, die ihr Vater im Garten pflanzte, sind auch heute noch Ihre Lieblingsblumen. Sie wurde mit 15 Vollwaise und wuchs bei „Pflegeeltern“ auf. Alles in allem hatte sie eine behütete Kindheit, die jedoch viel zu kurz war.  Eigentlich wollte sie Lehrerin werden, wurde dann aber Stenotypistin in einer Werft in Schickau. Bei einem Besuch ihrer Pflegeeltern lernte sie ihren späteren Mann, der als Soldat arbeitete, kennen und heiratet. Er im Krieg, sie in der Werft. Als '45 die Russen kommen, kann sie gerade noch mit dem letzten Zug von Eibling über Berlin nach München fliehen. Ihr Mann geriet in Kriegsgefangenschaft. Für diesen Fall hatten sie bereits im Voraus vereinbart, dass beide  bei einem Gasthof Ihre Adresse hinterlegen. Und so trafen sie ich in München nach der Freilassung Ihres Mannes.  Sie zogen nach Rain und bekamen zwei Kinder. Dann  zogen sie nach Friedberg um. Dort war sie Referentin für den katholischen Frauenbund. Heimat im KSS ist „ihr Gärtchen" auf ihrem Balkon. Eine schöne Zeit im KSS waren die sechs Jahre als Vorsitzende im Beirat.


6. Theresia Keller, 84:

"Heimat ist für mich das Allgäu. Ich bin ein Landmensch. Die Arbeit in der Landwirtschaft, Felder und Wiesen und die Natur bedeutet für mich Heimat. Das Zirkusleben war mehr gezwungenes Leben mit langen Trainingszeiten, aber natürlich auch mit viel interessanten Erlebnissen."

Von der Mutter alleingelassen, wuchs Theresia, ihr Bruder und ihre Schwester die ersten Jahre bei ihrer Großmutter, die selbst 13 Kinder hatte, in Augsburg auf.  Als Deutschland von den Amerikanern besetzt wurde, ging sie mit ihrem Onkel ins Allgäu zu einer Pflegefamilie, die eine Hof besaßen. Ihre Pflegemutter wurde ihre Ersatzmutter und Firmpatin. Ihren Sohn hat Theresia mit aufgezogen. Von dieser Zeit weiß sie noch viele Geschichten: Wie die Amerikaner immer Hühnereier von ihr wollten, die Karotten aus dem Feld gestohlen wurden oder sie im Kartoffelkeller eingesperrt wurde. Um Geld zu verdienen kehrte sie später wieder in die Nähe von Augsburg zurück und arbeitete auf einer Landwirtschaft mit. Ihr Leben bekam eine entscheidende Wende als ihre Tante sie von der Landwirtschaft mit nach Hamburg mitnahm, um sie dort zur Artistin auszubilden. Theresia war zu diesem Zeitpunkt bereits 52 Jahre, als sie mühevoll die Kunst der Artistik lernte. Zusammen mit ihrer Tante, deren Mann und manchmal einer weiteren Auszubildenden traten sie unter dem Namen Hermes Corti in verschiedenen Varietés und unter anderen auch im Zirkus Althoff auf. Sie reisten für ihre Aufführungen in verschiedene europäische Länder wie Schweden, Dänemark oder Brüssel und waren mit einem Zirkus auch in der ehemaligen DDR. Theresia ist eine Einzelkämpferin, die sich immer durchzusetzen wusste und so auch ihre Aufgabe als Artistin am Trapez viele Jahre lang meisterte. Erst 1970 als einerseits der Chef der Gruppe starb und sie sich bei einem Absturz beide Hände brach, die Wirbelsäule anbrach und den Arm auskugelte, hörten sie mit der Artistik auf. Ihre Unabhängigkeit und Selbständigkeit ließ auch nie den Wunsch der Heirat in ihr aufkommen.  Nach einer kurzen Zeit mit ihrer Tante und einem Artistenmädchen in Hamburg, kehrte sie wieder einmal nach Augsburg zurück.  Heute in Friedberg hat sie immer noch Kontakt zu ihrem Pflegesohn und dessen Verwandten, in deren Besitz auch noch der Hof im Allgäu ist.

7. Helmut Otto, 80:

"Heimat ist Aufwachsen und Kindsein. Allerdings nur bis ich 13 Jahre alt war, da dann meine Heimat von den Russen geklaut und zerstört wurde. Im Laufe meines Lebens habe ich so viel Leid und Zerstörung auf der ganzen Welt gesehen, dem ich teilweise nur durch Glück entgehen konnte, sodass ich gelernt habe das Leben wertzuschätzen. Friedberg ist wie ein Paradies, das die Jugend, die hier aufwächst nicht zu schätzen weiß. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch, der die Weite schätzt. Sowohl die Weite damals an der Elbe, die Weite in Afrika, aber auch die Weite hier zum Radfahren in Friedberg."

Kurz vor Kriegsbeginn 1932 in Riesa, Sachsen, an der Elbe geboren, wächst Helmut genau in der Zeit Hitlers auf. Geprägt von dem Jungvolk, dem Lagerleben und dem Gemeinschaftsgefühl, lässt er sich wie alle Kinder von der Ideologie begeistern. Bis heute kann er die Parolen der Lieder auswendig, die ihm im Kindesalter eingebläut wurden. Als Helmut 13 ist, bricht das Hitlerregime zusammen und die Russen besetzen seine Heimat. Es war eine katastrophale Zeit, die seine Jugend prägte. Es war alles weg und kaputt und die Russen nahmen sich was sie wollten, auch Frauen. Die Begriffe Spionage, Sabotage und Boykotthetze sowie 10, 15 oder 25 Jahre Zuchthaus standen an der Tagesordnung. Der Sozialismus war auch schuld, dass Helmut mit seiner Ausbildung auf der Handelsschule nicht viel anfangen konnte. Er wechselte ins Fernsprechamt und kam so nach Dresden und Leipzig. Später auf der Ingenieursschule fasste Helmut gemeinsam mit einem Kollegen den Entschluss in den Westen zu fliehen. Sie arbeiteten ein Jahr als Toningenieure bei der Universum FIlm AG (Ufa) in Berlin, Babelsberg. Eine der zahlreichen Voraussetzungen für diesen Arbeitsplatz war, dass sie Mitglied in der Kampfgruppe der Firma werden. Dort wurden ihnen Parolen eingebrannt, imperialistische Kampfsituationen geprobt und Schießen geübt. Um zu verhindern, dass ihre Verwandten im Osten nicht zur Rechenschaft gezogen werden, tarnten Helmut und sein Freund ihre Flucht als Urlaubspanne. In Wirklichkeit fuhren sie 1956 mit den Motorrädern zu einem Onkel nach Regensburg und von da nach München und arbeiteten dort bei Siemens in der Fernschreibtechnik. Dort bekam Helmut schon nach kurzer Zeit eine große Chance. Er durfte für einen amerikanischen Sender für 14 Wochen nach New York. Nachdem er die erste Hürde im Ausland erfolgreich meisterte, folgten mehrere Wochenaufenthalte in Südafrika, Buenos Aires, ganz Europa, Sydney, Hongkong, Abu Dhabi, Ägypten... Sein Beruf führte ihn drei Jahre lang um die ganze Welt. In New York kam Helmut die Idee seine Erfahrungen mithilfe von Filmen und Fotos festzuhalten und entwickelte von da an eine Leidenschaft für das Filmen. Zusätzlich lernte er eine Frau in Südafrika kennen, mit der er vier Jahre lang in Deutschland verheiratet lebte und eine Familie gründete. Dann ließ er sich für 12 Jahre nach Südafrika versetzen, bis letztendlich die Ehe auseinanderging. Zurück in München gingen die beruflichen Auslandsreisen besonders in die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi Arabien, Malaysia bis zur Rente weiter. Vor einem Jahr ist er dann nach Friedberg in den Karl-Sommer-Stift gekommen.

 

8. Margarete Fischer, 81:

„Heimat ist für mich die Freiheit mich zu verwirklichen, die ich nie wirklich über lange Zeit erleben durfte.“

Margarethe stammt ebenfalls aus dem Sudetenland, aus Troppau. Als uneheliches Kind wuchs sie anfangs bei ihrer Großmutter auf. Es war eine sehr geborgene Zeit für sie. Nachdem ihre Mutter geheiratet hatte, fühlte sie sich mehr als billige Arbeitskraft der Mutter für die Betreuung ihrer vier Schwestern. Nach der Besetzung Deutschlands, 1946, zog sie mit ihrer Familie per Viehwagen nach Bayern, in die Nähe von Neuburg an der Donau. Sie wohnten auf einem Bauernhof, wo sie im Zimmer der Magd schlafen durfte. Zu dieser Zeit erfuhr sie das erste Mal, wie es sich anfühlt, gewisse Freiheiten zu besitzen. Später arbeitete sie als Küchenmädchen in Neuburg und als Bedienung im Viktoriahotel in Augsburg. Mit einem neun Jahre älteren, verheirateten Polizisten bekam sie eine Tochter, die, wie sie, dann ohne Vater aufgewachsen ist. Jetzt arbeitet sie als Küchenmädchen. Margarethe macht sich heute noch Sorgen um ihre Tochter, da diese ebenfalls ein uneheliches Kind hat. Nachdem Margarethe einige Zeit in München Köchin und Bedienung war, kommt sie beruflich nach Friedberg zum Gasthof Linde. Im Rentenalter wurde der Karl-Sommer-Stift ihr Zuhause. Am besten gefällt ihr die Freiheit, die sie hier hat. In einem Film des SWR wird außerdem noch ein spannendes Kapitel in Margarethes Fischer beleuchtet. Vor einigen Jahren machte sie sich auf die Suche nach ihrem Vater, den sie nie kennengelernt hat. Als sie seinen Namen herausgefunden hatte, fand sie zusätzlich heraus, dass sie mehrere Halbgeschwister besitzt, mit denen sie dann wieder Kontakt aufgebaut hat. Die Bekanntschaften sind heute eine wahre Bereicherung für sie. Getrennt durch den Krieg und wiedergefunden nach fast einem halben Jahrhundert.


III. ...ganz Mensch sein

Wie wir schnell festgestellt haben ist Heimat besonders bei der Kriegsgeneration ein tiefschürfendes Thema. Aus diesem Projekt haben wir gelernt, dass es wichtig ist den Menschen zuzuhören und auf sie einzugehen. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit, bei der die Teilnehmer auch begeistert und engagiert mitmachen, basiert auf Verständnis und Vertrauen. Dadurch, dass das Thema Heimat bei den Senioren oft tragische Erinnerungen auslöst und die Geschichten und Gefühle auch sehr persönlich sind, war ein gutes Verhältnis bei unserem Projekt notwendig. Die Illusion, dass Heimat ein behütetes Aufwachsen im Elternhaus bedeutet, die der größte Teil unserer Generation im Kopf hat, trifft auf die Bewohner des betreuten Wohnens nicht zu. Eigentlich sollte bei so einem kooperierenden Projekt noch mehr Zeit damit verbracht werden, den Kontakt zwischen den Projektpartnern zu pflegen. Leider fehlte uns die Zeit dazu. Pläne und Ideen konnten wegen fehlender Zeit auch auf Seiten der Senioren nicht alle umgesetzt werden. Das war sehr schade, denn wir haben festgestellt, dass einige Senioren sehr gerne mehr Zeit mit uns verbracht hätten und begeistert mit uns Studenten zusammen gearbeitet haben. Ein weiterer wichtiger Punkt, den wir zum Glück von vornherein beachtet haben, ist das didaktische Design. Personen in diesem Alter wollen sich nicht nach Strukturen und Vorgaben richten müssen, besonders nicht bei diesem persönlichen Thema. Deshalb war eine offene Aufgabenstellung und ein nicht fest geplanter Projektablauf von Vorteil. Die Senioren sollten selbst mit entscheiden können und im Laufe des Projekts erarbeiten, wie „Heimat“ am Ende präsentiert werden kann.


IV. Eine Heimat, mehrere Heimaten?

Eine Frage, die uns auch interessierte, war, ob der Karl-Sommer-Stift für die Senioren auch zu einer Heimat geworden ist. Kann die Heimat sich von Zeit zu Zeit verändern oder bleibt die Heimat die Heimat? Bei diesem Thema gingen die Meinungen auseinander: Während einerseits einige der Senioren, wie oben beschrieben, eine Heimat im Stift gefunden haben, beschreiben es andere höchstens als Zuhause. Auf der anderen Seite war eine deutliche Tendenz zu erkennen, dass Heimat nicht unbedingt dort ist, wo man geboren ist, sondern dort, wo man die unbeschwertesten Jahre seines Lebens mit den liebsten Menschen verbracht hat, was oft in der Kindheit ist. Ein Stück Heimat aber auch noch im Alter zu finden ist auf jeden Fall erstrebenswert, ob es im Garten des Stifts, im Glauben oder in den Menschen ist.


V. Erfahrung

Sehr interessant und auch berührend stellte sich, wie oben beschrieben, die soziale Interaktion dar. Die Verbindung der Geschichte mit den Geschichten, derer die sie erlebt haben. Schicksale und Wendungen im Leben die jeden der Senioren zu einem Helden Ihres Alltags gemacht haben. Durch das Zuhören ist man selbst Teil dieser Geschichte geworden. Das ganze Projekt trägt dazu bei diese Geschichten mit den Menschen als Portrait in Bild und Schrift zu bewahren und zu teilen. Acht unterschiedliche Menschen mit acht unterschiedlichen Geschichten. Beeindruckend war es, die Menschen zu beobachten, als sie von ihrem Leben und ihren Heimaten erzählten. Bei den Treffen war es fast „wie bei Großmutter“  die ihre Geschichten von früher voller Liebe, den Enkeln und Enkelinnen erzählt. Ein Treffen der Generation und ein Verstehen bei dem es nicht um Rente, Pflege oder betreutes Wohnen als „Abschieben“ geht. Ein Treffen der Generation in dem die „Jugend“ im Kreise der „Ältesten“ auf Erfahrung trifft und den Menschen kennen lernt.    

 

Nähere Informationen zum Karl-Sommer-Stift in Friedberg, wo das Projekt jetzt ausgestellt ist finden Sie auf der Seite der Diakonie Augsburg:

http://www.diakonie-augsburg.de/staticsite/staticsite.php?menuid=20&topmenu=14

Begleitend zum Projekt „Heimat“ entstand ein Magazinbeitrag, der das Projekt noch einmal kurz darstellt. 

http://issuu.com/stephan_reichl/docs/heimart_issuu