6.4 Service Learning als unreflektierte Erfahrung

Lernende reflektieren oft in erster Linie sich selbst und ihr Projektteam. Sie ziehen schnell Schlüsse darüber, was die gemachten Erfahrungen ihnen „gebracht“ haben oder kommentieren, wie der Erfolg des Services zu bewerten ist. Reflexionen über den Wandel persönlicher Einstellungen, den Abbau von Vorurteilen oder auch eine Stärkung der Empathie sind wichtig bei der persönlichen „Einverleibung“ der gemachten Erfahrungen. Jedoch wird oftmals vergessen, dass Service Learning eine Methode zur Demokratieentwicklung ist und gesellschaftlichen Wandel als Ziel verfolgt. Daher reicht es nicht aus, dass Lernende nur über sich nachdenken. Zur Reflexion gehört  auch dazu, über die politischen, sozialen und ökonomischen Faktoren nachzudenken, die die bestehenden Missstände bedingen, formen, fördern und das Engagement erst notwendig gemacht haben. Beispielsweise gehören dazu auch Fragen nach offenen und verdeckten Machtstrukturen und Herrschaftsverhältnissen, denen sich Lernende zumindest stellen sollten. Oftmals fällt dies jedoch schwer, da Lernende nicht von alleine in solchen Kategorien denken und diese Perspektive die Lernenden außerdem auf sie selbst zurückwirft, was mit belastender Ambiguität einhergeht: Lernende erkennen oftmals nicht, dass sie selbst von sozialen Strukturen profitieren, die jedoch andere Menschen ausschließen und ausgrenzen. Diese Interdependenzen bleiben unberücksichtigt. Vielmehr werden die Klienten als Akteure mit Mängeln und Schwächen betrachtet, als Personen, die hilfsbedürftig sind und Unterstützung benötigen, da sie selbst nicht über die Ressourcen zur Lösung ihrer Probleme zu verfügen scheinen (Eby, 1998, S. 3-4). Der Lernende sieht oftmals nicht die Bedingungen zu den Ursachen, die den Klienten erst zum Klienten werden lassen. Er erkennt nicht die Mechanismen, die das Leben der Klienten geformt haben und gleichzeitig auch für die Konstruktion seiner Persönlichkeit und seiner Lebensverhältnisse maßgebend sind. Schwarz berichtet beispielsweise in einer Studie (2011), dass Vorurteile von Lernenden aus besseren sozialen Schichten durch Service Learning sogar weiter verfestigt wurden, obgleich die Lernenden mehr Empathie für die Klienten entwickelten: In der Studie, in der sowohl qualitative als auch quantitative Methoden zum Einsatz kamen um die Einstellungen und Werturteile von Abgängern der Secondary School (vergleichbar mit weiterführenden Schulen in Deutschland) bezüglich der Klienten, z. B. von Armut Betroffene, obdachlose Menschen, zu ergründen, zeigte sich in mehreren Fällen, dass kein Konzeptwandel sondern eine Festigung von Vorurteilen eintrat. Dies jedoch war nur bei jenen Schülerinnen und Schülern der Fall, die aus einkommensstarken Familien stammten und nur über eine sehr kurze Dauer Kontakt mit den Klienten hatten. Ein Auszug aus einem der qualitativen Interviews soll diesen Zusammenhang beispielhaft demonstrieren: Eine Schülerin, die im Rahmen einer Anti-Armut-Kampagne Sandwiches an Obdachlose verteilte, urteilte wie folgt über die von Armut Betroffenen: „I kind of thought homeless people are on the street because they don’t have money, but when you meet them you see that a lot oft hem choose to be there“ (Schwarz, S. 38). Während der Service-Erfahrung erhärtete sich für die Schülerin die Annahme, dass Armut auf  Schwächen und Defizite von  Betroffenen zurückzuführen sei, dass diese also selbst für ihre Lage „Schuld“ seien. Systemische Ungerechtigkeiten oder Machtstrukturen hingegen wurden in den Reflexionen nicht betrachtet, auch nicht, die Bedingungen für den eigenen sozioökonomischen Status.   

Daher muss Reflexion die angesprochenen Aspekte berücksichtigen, um nicht eine eindimensionale Weltsicht bei den Lernenden zu festigen oder zu schaffen. Das bedeutet auch, dass sich Klient und Lernende mit Respekt und Offenheit begegnen, um eine Partnerschaft auf Augenhöhe eingehen.