6.2 Service Learning als strategischer Selbstzweck

Service Learning ist immer Mittel, um einen gesellschaftlichen und gleichzeitig pädagogischen Zweck zu erreichen. Die Gefahr jedoch besteht, dass Lernen durch Engagement als Selbstzweck für individuelle und eigennützige Ziele, sei es willentlich oder eher unbewusst, eingesetzt wird. 

Schulen und Universitäten können beispielsweise Anreize haben, Service Learning verstärkt unter Gesichtspunkten der Reputationssteigerung einzusetzen. Weiterhin kann es auch das wissenschaftliche Forschungsinteresse sein, Service Learning vorrangig als Mittel zum Zugang zu empirischen Daten zu betrachten. Die Gefahr ist dann dabei z.B., dass Klienten primär mit einer objektivierenden, wissenschaftlichen Brille betrachtet werden und das menschliche Miteinander in den Hintergrund rückt. Dies ist dann etwa der Fall, wenn eine dem Gedanken des Service Learning abträgliche Distanz zu dem Klienten aufgebaut wird, um wissenschaftliche Gütekriterien wie Objektivität zu wahren. Des Weiteren könnte der Fokus auch zu einseitig auf den gelernten bzw. zu lernenden Inhalten liegen und das Engagement so zu kurz kommen. Damit wäre die soziale und emanzipatorische Dimension von Service Learning nicht gewährleistet.   

Aber auch Lernende können Anreize haben, Service Learning primär aus strategischen Gründen zu wählen: So lässt sich beispielsweise die soziale Komponente im Lebenslauf ausweisen, neben den Zensuren, den Praktika und den Auslandsaufenthalten. Weiterhin kann Service Learning wegen der relativ weichen Bewertungskriterien als Mittel zur Notenaufbesserung genutzt werden – die Motivation wäre also fehlgeleitet und würde zu einem reduzierten Engagement führen. 

Akteure im Umfeld von Service Learning – wie z.B. Vermittlungs-Agenturen – könnten ebenfalls fehlgeleitete Motive haben und das Engagement von Schulen/Universitäten benutzen, um primär „billige“ Arbeitskräfte zu erhalten oder Imagepflege zu betreiben. Außerdem könnten durch den geleisteten Service bestehende Engagement-Strukturen verdrängt werden, bis hin zum Verlust von Arbeitsplätzen (Eby, 1998, S. 2-3).

Es ließen sich noch weitere, vergleichbare Betrachtungen anstellen, in denen Service Learning strategisch und zweckrational zum Einsatz kommt. Dabei ist zu beachten, dass individuelle Ziele der jeweiligen Akteure dem Erfolg von Service Learning nicht notwendigerweise abträglich sind, sie sollten allerdings nicht im Konflikt mit den gemeinsamen Zielen stehen. Das Hauptmotiv wäre folglich sinnvoller Service und nachhaltiger Lernerfolg, wobei die konkreten Zielsetzungen im Optimalfall in gegenseitiger Absprache entwickelt werden.