2.1 Experimental Education bei John Dewey

Das Konzept des Service Learning wurde maßgebend in Nordamerika durch das Aufkommen des amerikanischen Pragmatismus und vor allem durch die damit verwobenen Modelle und Gedanken von dem Philosophen, Pädagogen und Aktivisten John Dewey nachhaltig geprägt (Sliwka und Frank, 2004). Im Pragmatismus, der dominantesten philosophischen Strömung im angelsächsischen Raum, geht man Ende des 19. Jahrhunderts davon aus, dass Philosophie primär dem praktischen Nutzen zu dienen hat und verwirft die bis dahin philosophischen Strömungen aus Europa, deren Diskurse als unnötiger Ballast betrachtet wurden (Neubert, 1998, S. 57). Anstatt sich in dem Streit zwischen Empirismus und Rationalismus oder den Positionen des Materialismus und Idealismus zu verrennen, rückt die praktische Ausgestaltung des Lebens wieder ins Zentrum der Erkenntnissuche. Ging beispielsweise der klassische Rationalismus noch davon aus, „dass Form und Inhalt aller Erkenntnis nicht auf sinnlicher Erfahrung, sondern auf Verstand und Vernunft gründen“ (Kornmeier, 2007, S. 36), so stellt der aufkommende Pragmatismus eine Wende in der Realitäts- bzw. Wahrheitsbeurteilung dar, denn hier ist das wahr und gut, was gesellschaftlich erwünschte, nützliche Ergebnisse bringt. Im Rationalismus wird von einem Wahrheitsbegriff ausgegangen, der unabhängig von Erfahrungen besteht. Wahr ist hier, was logisch und klar gedanklich hergeleitet werden kann und braucht keine empirischen Erfahrungen. Einige Vertreter des Pragmatismus stehen jener sogenannten Wahrheit skeptisch gegenüber und vertrauen nicht in die Erkenntniskraft der reinen Vernunft (Keyserling, 2002). Wahr ist nur das, was gute Ergebnisse bringt: Handlungen sind also vorab auf ihre Ergebnisse hin zu prüfen, um zu sehen, ob sie dem Guten und Nützlichen dienen oder nicht. Wahrheit ist also das, was von allen Prüfern einer Hypothese in Übereinstimmung angenommen wird, Relevanz für die Bewältigung der Lebenspraxis besitzt. Die Existenz von Gott würde in dieser Denkhaltung bejaht werden, denn sein Vorhandensein würde zu einem besseren Verhalten der Menschen führen (ebd.).

Der Pragmatismus ist also mehr als reiner Empirismus – da er sich der Perspektive der Zukunft öffnet und die Möglichkeiten des Handelns ins Visier nimmt. Theorien müssen in Handlungen umsetzbar sein, die zu Konsequenzen führen, die wiederum tatsächliche Veränderungen zum „Besseren“ bewirken ( Neubert, 1998). Die Ausrichtung der Philosophie und Wissenschaft auf „Erfahrung“ und der Möglichkeiten des Handelns standen auch im Bezug zu den Lebensbedingungen am Ende des 19. Jahrhunderts, die durch enormen technischen Fortschritt, Industrialisierung, Fortschrittsglauben, Streben nach Selbstverwirklichung und Wandel in Amerika gekennzeichnet waren. Pragmatismus war auch eine Methode, um eben diese Potentiale zu verwirklichen. Das Praktische (griechisch „Pragma“, das Handeln, die Sache), die sinnvolle und nützliche Konstruktion und Ausgestaltung der Alltagswelt sind zentraler Gegenstand des Pragmatismus. Letzte Fragen und spekulative metaphysische oder erkenntnistheoretische Denkexperimente hingegen spielten keine Rolle mehr. Auch Dewey war von dieser Auffassung von Philosophie beeindruckt: er ließ die Idee des dynamischen Wahrheitsbegriffs in seine erziehungswissenschaftlichen Überlegungen einfließen. Gemäß Dewey müsse das Prinzip des Strebens nach dem Nützlichen und Lebenspraktischen als primäres Ziel der Bildung gelten. Dewey setzte anstatt der reinen Schulung der Ratio durch z. B. Logik darauf, dass kognitive Fähigkeiten und eine wertorientierte Haltung durch „natürliche“ Lernerfahrungen, also durch Erfahrungslernen unter authentischen Bedingungen gefördert werden müssen (experimental education). Lerner müssen nach Dewey also mit Problemen konfrontiert werden, deren Lösung von Bedeutung für sie und die weitere Gesellschaft ist und diesse wissenschaftliches Experimentieren und die Reflexion der Erfahrungen zu lösen. Dabei sollen diese Probleme keinem Selbstzweck dienen, sondern gesellschaftlich relevant sein und zu einem Demokratiebewusstsein bei den Lernenden führen. Dewey war der Ansicht, dass die Förderung des kritisch reflexiven Denkens durch Erfahrungslernen im Unterricht dazu beitragen würde, die Demokratie durch soziale Transformation zu stärken und zu verbessern. Dewey vertrat auch die  Ansicht, dass Intelligenz sich durch Interaktion des Organismus mit der Umwelt ausprägt und somit gezielt gefördert werden kann.

Aus seiner Anschauung leitete Dewey didaktische Prinzipien ab, die heute unter dem Begriff des handlungsorientierten Unterrichts besprochen werden: Lerner müssen Wissen selbst durch forschende Tätigkeit konstruieren, erproben und ausprobieren können. Dewey prägte das aktive Lernen mit emanzipatorischem Fokus. “Learning by doing“ ist also „Learning by Deweying“, wobei die Reflexion anhand von wissenschaftlichen Kriterien über das Erlebte und Getane eine zentrale Rolle dabei einnimmt. Zu diesem Bildungsverständnis hat Dewey einige Modelle entwickelt.  Das Modell des kritisch reflexiven Nachdenkens, das Dewey 1910 in dem Buch „How we think“ darlegte, findet sich bis heute in vielen anderen Phasenmodellen kritischen Denkens in seiner Grundstruktur wieder (siehe Jahn, 2012). Kritisches Denken ist demnach ein forschungsorientierter, sowohl induktiver als auch deduktiver Problemlöseprozess. Dewey’s Didaktik richtet sich ganz an seinem Modell der vollständigen Denkhandlung, dem eben definierten kritisch-reflexiven Denken, aus. Die nächste Tabelle führt kurz die Phasen des Denkmodells auf: 

Phasen des kritischen Denkens nach John Dewey

Abb. 1: Phasen der vollkommenen Denkhandlung (nach Dewey, 2002 )

In der ersten Phase kommt es zu einem Diskrepanz-Empfinden, welches durch ein bestimmtes relevantes Problem bzw. Ereignis verursacht wird (Wahrnehmung des Problems). In dieser Situation reicht das bestehende Wissen des Individuums nicht zur Lösung des Problems aus. Deshalb ist das Ziel, in der (den) folgenden Phase erst einmal das Problem genau zu explizieren, indem beispielsweise Beobachtungen angestellt, Quellen analysiert oder Befragungen durchgeführt werden (Abgrenzung des Problems). In weiteren Phasen wird nun das Problem, nachdem es hinreichend verstanden und offengelegt wurde, exploriert, analysiert und bewertet. Es werden Lösungsansätze bzw. Alternativen zunächst erkundet, gemäß ihrer Realisierbarkeit und Erfolgsaussichten bewertet und schließlich erprobt. Dabei ergänzen sich in den einzelnen Phasen Reflexion und Aktion gegenseitig, wobei sowohl deduktive als auch induktive Vorgehensweisen bei der Reflexion eine Rolle spielen (siehe Dewey, 2002, S. 62 ff.) Die Aktion ist gleichsam neben dem Testen von Hypothesen auch immer mit sozialer Interaktion verbunden, um beispielsweise so die Perspektiven zu erweitern, um ein umfassenderes Verständnis für einen Gegenstandsbereich zu erreichen.

Deweys didaktisches Konzept wurde auch mit dem Begriff „scientific method“ umschrieben, welches er ganz an dem Prozess der vollkommenen Denkhandlung ausrichtete und somit seine Lerner zu kleinen Forschern machte. Der Prozess der „scientific method“ geht also schrittweise einher mit den Phasen des vollständigen Denkvorgangs und ist letztendlich nichts anderes als ein klassisches Forschungsdesign: Die Methode beinhaltet zuerst das Aufwerfen von Fragen, dem Suchen nach relevanten Informationen, der Generierung und Überprüfung von Hypothesen in Experimenten, der Analyse des so gewonnenen Datenmaterials und Aufbereitung der Daten. Methoden und Materialien müssen dabei laut Dewey den Prozess des kritisch reflexiven Denkens unterstützen bzw. den Prozess einleiten, indem der Schüler kognitiv „erschüttert“ wird, er an sein Vorwissen anknüpft und Neugierde geweckt wird. Lernen braucht demnach Widerstände. Dewey weist des Weiteren darauf hin, dass die gewählten Unterrichtsinhalte für die Lerner relevant aufbereitet sein müssen, also als persönlich wichtig erlebt werden sollen. Es muss also Interesse an den aufgeworfenen Problemen bestehen (Dewey, 2002, S. 29f.). Er geht davon aus, dass Denken nicht gelehrt, sondern nur positiv beeinflusst werden kann, deshalb sind die den Denkprozess aktivierenden und begleitenden, im Unterricht eingesetzten Materialien und die damit verbundene Interaktion der Lerner untereinander im Hinblick auf das zu lösende Problem von enormer Wichtigkeit (ebd., S.30). Lerner sollen durch eigene, auf wissenschaftlichen Kriterien fußende Forschung im Unterricht Erfahrungen machen können, jedoch dabei immer die in den einzelnen Phasen zielgerichteten Reflexionen anstellen. Eine Unterrichtsform, die Deweys Konzept maßgebend prägte, ist deshalb der Projektunterricht, unter dem auch Service Learning zu fassen ist: In dieser Unterrichtsform verbinden sich all die von Dewey postulierten Phasen des kritisch reflexiven Denkens (Winkler, 2003). Projektunterricht ist „erforschender Unterricht“, der relevante gesellschaftliche, den Schülern nahegehende Probleme zu lösen versucht und den Austausch zwischen dem Lerner und der Umwelt ermöglicht. Bei dieser Form ist es für die Schüler auch möglich, Hypothesen zu überprüfen und dabei beispielsweise auch zu scheitern, um aufgrund der gemachten Erfahrungen wieder nach neuen Lösungswegen Ausschau zu halten. Dewey kommt also zu folgendem Fazit hinsichtlich des Methodeneinsatzes für die Schulung des kritischen Denkens:

Die wesentlichen Merkmale der ‚Methode‘ sind darum identisch mit den wesentlichen Merkmalen des ‚Denkens‘. Es sind folgende: Erstens, daß der Schüler eine wirkliche, für den Erwerb von Erfahrungen geeignete Sachlage vor sich hat - daß eine zusammenhängende Tätigkeit vorhanden ist, an der er um ihrer selbst willen interessiert ist; zweitens: daß in dieser Sachlage ein echtes Problem erwächst und damit eine Anregung zum Denken; drittens: daß er das nötige Wissen besitzt und die notwendigen Beobachtungen anstellt, um das Problem zu behandeln; viertens: daß er auf mögliche Lösungen verfällt und verpflichtet ist, sie in geordneter Weise zu entwickeln; fünftens: daß er die Möglichkeit und Gelegenheit hat, seine Gedanken durch praktische Anwendung zu erproben, ihren Sinn zu klären und ihren Wert selbständig zu entdecken.“
(Dewey, 2000, S. 218).

Service Learning berücksichtigt die wesentlichen Grundsätze von Deweys Theorien, sei es im Hinblick auf die methodisch-didaktischen Aspekte oder aber auch im Lichte der normativen Zielsetzung: Stärkung der Demokratie durch die Förderung der Mündigkeit und des sozialen Engagements der Individuen, handlungsorientiertes, kooperatives Lernen unter „realen“ Bedingungen, die Reflexion der Erfahrungen usw. 

Dewey war in vieler Hinsicht ein Didaktik-Pionier, da er für eine Wende steht, indem er nicht die Förderung von traditioneller Logik betonte, sondern auf problemlösendes, reflexiv-erforschendes Lernen setzte. Die Didaktik nach Dewey zielte hauptsächlich darauf ab, die notwendige Einstellung bei den Lernern gedeihen zu lassen, um Probleme lösen und die Demokratie stärken zu können. Die Dispositionen für wissenschaftliches Denken waren Dewey wichtiger als nur die reinen Fähigkeiten und Fertigkeiten selbst.